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Dr. Anne Schmedding

Architekturkritikerin

 

SCHUTZ.K.O.nTakt

Otmar SattelWas wäre gewesen, wenn ...

skulptur biennale münsterland

 Ein Katalog gibt, vor allem bei Ausstellungen im öffentlichen Raum, häufig nicht das wieder, was wirklich ausgestellt ist. Da passieren im letzten Moment Dinge, die nach Drucklegung des Katalogs alles verändern: Künstler werden krank oder gestalten die Arbeiten erst in situ, die Technik streikt, lokale Initiativen machen Standortwechsel nötig oder der Kurator stellt am Schluss noch, auf „Sachzwänge“ oder eine „Inspiration“ reagierend, alles um. In diesem Fall hat uns die Realität einen Strich durch die Rechnung gemacht: Aufgrund der drohenden Maul- und Klauenseuche konnte die im folgenden beschriebene Arbeit Bismarck Hearing“ von Otmar Sattel nicht realisiert werden. Ein Misthaufen sollte in einem komplexen Geflecht von Bezügen und Auswirkungen gezeigt werden. Durch die Seuche und die durch sie ausgelöste Angst hat die Arbeit zwar an Aktualität gewonnen, denn die Rufe nach einer alternativen Landwirtschaft, die in Einklang mit der Natur und ihren Möglichkeiten steht, werden zunehmend lauter, aber sie darf aus demselben Grund nicht realisiert werden. Die folgenden Seiten sollen nun davon berichten: „was wäre gewesen, wenn ...“

 "Das Nützliche mit dem Schönen verbinden“

Ein Misthaufen stinkt. Das wäre volksmündlich das hervorstechendste Merkmal dieses landwirtschaftlichen Archetyps. Der schlechte Geruch ist ein Anzeichen dafür, dass etwas zerfällt, verwest, vermodert – schlicht: auf sein Ende zugeht. Es handelt sich also um ein Abfallprodukt. Was man nicht mehr braucht, was von der Verwertungskette ausgeschieden wurde, wird auf einem Haufen gesammelt und erst einmal vergessen. Rinderdung, Lebensmittelabfälle, Laub, Würmer und vieles andere erzeugen ein Gemisch, welches jeden Entropisten in Entzücken versetzen würde.

Entzückt ist auch Otmar Sattel in seiner Installation Bismarck Hearing“ von einem solchen Haufen. Also schaufelt er den Mist in einen an den Längsseiten verglasten, rot bemalten Container, in den man guckt wie in eine übergroße museale Vitrine. Gewöhnlich der Vergessenheit anheim gegeben, darf der Misthaufen hier Mittelpunkt sein. Wie er in dem roten Container ordentlich aufgeschüttet liegt – in der Form einem Goldbarren nicht unähnlich – wird man neugierig auf dieses geheimnisvolle Sammelsurium. Geheimnisvoll in der Tat durch die unsichtbare Kraft, die es erzeugt. In der Verwesung des Abfalls entsteht auf der einen Seite eine nutzbare Energie, das Methangas, und wertvoller Dünger als Überrest auf der anderen. Die Energie wird von Sattel auf das eindrucksvollste visualisiert. In unterirdischen Rohren weitergeleitet in ein ca. 10 m entfernt stehendes Getreidesilo wird das Gas dort in kreisförmig angeordneten Flammen abgefackelt. Nur wenn man sich direkt unter die Öffnung des Rundsilos stellt, erblickt man am Fundament den Strahlenkranz in 7 m Höhe. Die Flammen heben ein über das Silo gespanntes Tuch derart in die Höhe, daß sich eine Kuppel ergibt. Aus dem profanen Getreidesilo wird ein Kuppelraum. Die Inszenierung ist nicht nur museal, sondern steigert sich ins Sakrale. Der Misthaufen ist nicht nur Endpunkt der Verwertungskette, sondern auch Anfang – der Kreis schließt sich. Die religiöse Metapher ließe sich noch weiter fortführen: Die Horizontale steigt auf zur Vertikalen, aus Materie wird Geist und das Ende ist der Anfang, um nicht gleich an die Apotheose zu denken. Und was ist mit der zurückgebliebenen Materie? Der Misthaufen ist gereinigt, aus Abfall ist Dünger geworden: Die Katharsis ist vollzogen.

Schon seit 1988/89 hat Otmar Sattel in seinen Energieskulpturen (ab 1990 Methanskulpturen) Gase aus Gärungsprozessen thematisiert. Mal durch stetig wachsende Luftballons, wahlweise in Herz- oder Kaktusform (z.B. Heartfield – Bottlefield II, Berlin 1991; You do not break a heart ..., Berlin 1990), mal durch effektvoll knallende Flaschenkorken (z.B. Bottlebattle I,München1989), mal durch kippelnde Wippen (z.B. Balance III, Dresden 1998) oder auch tanzende Flammen (z.B. Fuoco Fatuo, Valsugano 1990). Während die früheren Arbeiten „lustige Maschinen“ waren, die durch Effekte wirkten und zum verstehenden Schmunzeln verführten, hat die neue Arbeit eine sakrale Strenge. Ein wenig Ironie möchte man der Inszenierung der „zu Geist werdenden Materie“ allerdings nicht absprechen: Theatralisch überhöhte Misthaufen sind für den kunstbeflissenen Städter genauso überraschend wie für den mistgewöhnten Landwirt. Sattel ironisiert nicht den Misthaufen an sich, sondern unseren abfälligen Umgang mit ihm. Durch die Überhöhung erinnert er uns daran, welche „magische“ Kraft in so einem Haufen steckt. Magisch, weil der Prozess, der Gas und Dünger entstehen lässt, für das menschliche Auge unsichtbar ist. Auch in seiner Installation bleibt er geheimnisvoll im rötlich schimmernden Innenraum der Vitrine verborgen, während wir nur hinter die Scheibe verbannt zuschauen dürfen. Mit Ausnahme der Flammen haben wir keinen Hinweis darauf, wie es in dem Haufen alchimistisch brodelt. „Aus Mist wird Gold“, sagt Sattel in seinem Konzeptpapier, und konsequent ordnet er den unordentlichen Misthaufen zu eben jenem Goldbarren. Der Misthaufen wird zu einem Bild, zum Symbol der in ihm arbeitenden energetischen Kräfte. Ein Beiprodukt profaner Landwirtschaft als Ereignis in einer Kultur-Landschaft.

Nicht umsonst verweist Sattel in einem anderen Projekt (Augenweide für die Bundesgartenschau 2001 in Potsdam) auf Lenné, und dieser stellt auch das Motto der Skulptur-Biennale Münsterland 2001 zur Verfügung: „Das Schöne mit dem Nützlichen verbinden“. Peter Joseph Lennés (1789-1866) Parkgürtel um Potsdam, seine Volksparks (Tiergarten, Friedrichshain mit Gustav Meyer) und der zoologische Garten in Berlin sind charakteristische Beispiele für „Kultur-Landschaften“. Vor allem die ästhetische Einbeziehung ökonomischer Nutz- und Kulturlandschaften in die Kunst der Landschaftsgestaltung ist ein entscheidendes Merkmal seiner Arbeit. Darüber hinaus suchte Peter JosephLenné mit seinen Gärten eine bildhafte Wirkung zu erreichen. Mal geht es gemäß des beginnenden Historismus um „antike“ Gärten und mal um ein romantisch verklärtes Arkadien. Immer jedoch steht die Idee im Vordergrund, auch eine landwirtschaftlich genutzte Fläche ins Bild zu setzen. Räumlich davon getrennt waren aus England übernommene „pleasure-grounds“ für die Lennéschen Anlagen charakteristisch. Man flanierte und lustwandelte durch die künstlich-natürliche Landschaft, genoss bewusst angelegte Aus- und Durchblicke und verweilte bei architektonisch -skulpturalen Wegmarkierungen (Statuen, Vasen, Brunnen, Urnen etc.): „Denn je weiter ein Volk in seiner Kultur und in seinem Wohlstande fortschreitet, desto mannigfaltiger werden auch seine sinnlichen Bedürfnisse“ (Lenné 1840).

In diesem Geiste ließe sich auch die Skulptur von Otmar Sattel verstehen. In der münsterländischen Kulturlandschaft sorgt er für die Verbindung der bildhaften Inszenierung mit dem Lennéschen Konzept der Ästhetisierung des landwirtschaftlichen Raumes. Durch die Überhöhung wird eine Energie sichtbar gemacht, die „nützlich“ ist.

Die Skulptur-Biennale ist die zeitgenössische Form des „pleasure-grounds“, die „mannigfaltige sinnliche Bedürfnisse“ erfüllt und gleichzeitig den Blick auf die gestaltete Landschaft öffnet. Durch den Ereignischarakter innerhalb dieser Promenade gewinnt für uns der Misthaufen seine „magische“ Kraft zurück. Nun wäre also nur noch die Frage zu klären, warum ein Misthaufen schön ist.

 

Die Arbeit, „SchutzKOnTakt“ die Otmar Sattel anstelle des Misthaufens in letzter Minute realisieren konnte, ist vielleicht weniger nützlich, dafür aber im besten Sinne schön. Die bunten Markisen, die an einer Brücke montiert sind, transferieren die Geborgenheit der sonntäglichen Terrasse (mit Blick auf den domestizierten heimischen Rasen) in die freie Natur. Der Bötchen-Fahrer kann alleine durch Annäherung an die Brücke mittels eines Bewegungsmelders die Markisen ausfahren lassen, um darunter, bei Belieben auch in einer angeschlossenen Hütte, unbeobachtet Brotzeit oder ein Schäferstündchen zu halten. Der Spaziergänger auf der Brücke wiederum, der sonst den Überblick hat, wird in seiner Sicht eingeschränkt: Sobald er die Brücke betritt, werden die oberen Markisen ausgefahren, so daß er auf die Köpfe der Kanufahrer weder gucken noch spucken kann. So ist in diesem Fall der, der oben ist, einmal nicht der Überlegene. Er müsste hinabsteigen, um dem Bootsfahrer auf seinem Niveau begegnen zu können. Man wünscht der Biennale viele Spaziergänger, die den Überblick suchen, und Bootsfahrer, die ihn fliehen, so dass sich eine bewegte Symphonie der hin- und hergleitenden leuchtenden Markisen ergibt.

 

Dr. Anne Schmedding

 

 


    
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