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Vera Tollmann

Kulturwissenschaftlerin / Kulturkritikerin und freie Kuratorin

 

DIE GRAS-GLAS-ORGEL II

 

ZNE – zur nachahmung empfohlen!

Berlin Uferhallen                              2010

Neuer Kunstverein Pfaffenhofen      2011

 

Die Energieskulpturen des Künstlers Otmar Sattel sind wieder aktuell. Oder vielleicht waren sie das immer – und nur die mit ihnen verbundenen Fragen nach dem Verhältnis von Gesellschaft und Natur werden seit ihrem Entstehen in den späten Achtzigerjahren heute wieder neu gestellt. Angesichts des Klimawandels suchen die westlichen Industrieländer erneut nach raffinierten Alternativen zu Öl und Atomenergie. Dabei kommen auch lang bekannte Konzepte erneut in die Diskussion.

Die Wiederkehr technischer Lösungen ist wie ein Déjà vu. Vor mehr als zwanzig Jahren wurde Biogas als Alternative zur Atomenergie diskutiert. Heute hat sich die Solarenergie als alternative Energieform durchgesetzt. Welche Lobby hatte in der Zwischenzeit ihre Interessen durchgesetzt? Hat die Gesellschaft in den vielen Jahren nicht umgedacht? Gibt es nur den technischen Fortschritt? Bei all diesen technischen Lösungen wird deutlich, dass es nicht ohne ein Umdenken in Sachen Lebensstil gehen kann. In diesem Zusammenhang bekommt die künstlerische Arbeit von Sattel etwas prophetisches.

Die Erkenntnis, dass Biogase Energie liefern, machte der Künstler schon 1989 zu seinem künstlerischen Mittel. In den italienischen Bergen häufte er Kuhmist zu einer Pyramide an. FUOCO-FATUE, Methan-Maschine I“ hieß die gasbildende Natur-Skulptur. Abends wurde das aus Kupferröhrchen ausströmende Gas angezündet und die bläulichen Flammen flackerten als Lebenszeichen im Dunkeln. Die Viehwirtschaft verursacht knapp ein Fünftel der anthropogenen Treibhausgasemissionen, aus Mist und Gülle entweicht das Biogas Methan.

Um natürliche Prozesse sichtbar zu machen erfand Otmar Sattel eine weitere 'Maschine', DIE GRAS-GLAS-TON-Maschine I-III, die für diese Ausstellung verifizierter Form rekonstruiert wird. Weniger mit einer maschinellen Mechanik als mit der Anordnung in einem Versuchslabor verbindet sich die äußere Erscheinung: Ein großer Glaskubus – eine Anleihe bei der Minimal Art – gefüllt mit Heu, das als Isolierung für einen weiteren natürlichen Prozess unbestimmter Dauer diente. Denn das Heu hielt die Temperatur konstant für ein Kesselsystem mit Rohren, in dem ein Gemisch aus Zucker, Hefe und Nährsalzen gärte. Daraus stiegen Schwefel, CO2 und andere Gase auf und brachten die Luftsäule zum Schwingen, was einen unheimlichen Ton erzeugte. Sattel vertonte also auf diese Weise einen organischen Prozess. Mit der ungewohnten akustischen Präsenz inszenierte der Künstler natürliche Grundlagenprozesse für das Publikum. Natur war nicht länger ein stilles geschlossenes System.

Den Begriff 'Maschine' verwendet Sattel ironisch, denn seine 'Maschine' funktioniert autonom, „die Natur läuft rund um die Uhr“. Einerseits spielt er so auf das technische Paradigma in der modernen Kunstgeschichte an. Andererseits präpariert er die Natur als Maschine, damit sie das Bewusstsein einer Gesellschaft reflektiert, deren Selbstverständnis auf technologischer Machbarkeit fußt. Wo Technik als einzige Antwort erscheint, werden andere Lösungen selten in Betracht gezogen. Deshalb steht das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Natur noch immer als größere übergeordnete Frage da. Wie etwa Buckminster Fuller definiert Sattel die Naturbeobachtung als Lernvorgang, sie gehört zum festen Bestandteil seiner gestalterischen Praxis. So entsteht im künstlerischen Spiel mit der Natur und ihrer Raffinesse eine Allegorie auf eine mögliche Existenz jenseits der Technokratie.

 

Vera Tollmann

 

 

 


    
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