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Dr. Dirk Luckow

Deichtorhallen Hamburg

 

Von der sichtbaren und unsichtbaren Beschaffenheit der Natur

Otmar Sattel  -  ENERGIE - SKULPTUREN

 

POSITIONEN / Herrenhof Mussbach

 Die Arbeiten von Otmar Sattel setzen sich aus den natürlichen Elementen Gras, Heu, Hefe, Wasser, Luft und aus industriell gefertigten Stoffen wie Glas, Stahl, Gummi und Eis zusammen. Mit diesen Materialien thematisieren sie anhand Flaschengärungen oder Kompostierungen die Vorgänge und Wirkungen biologischer und physikalischer Stoffumwandlungen. Solche Verfahren der Nutzung von natürlicher Energie beziehen sich auf bekannte Beispiele unserer Alltagskultur und unserem Umgang mit Naturstoffen. Sie werden hier ins Blickfeld einer experimentellen Rezeption gerückt.

 

Die Installation mit dem Titel „Fuoco Fatue / Irrlichter“ in Oberitalien in Trentino in einem Hochtal namens Sella bei Borgo Val Sugana bestand aus einer dreischenkeligen Pyramide, 4m hoch, mit 3 Seitenlängen von je 7m. Im Innern dieser Skulptur aus Kuh- und Pferdemist wurde der biochemische Prozess einer Methangärung in drei luft- und gasdichten Metall-behältern, die mit verdünnter Schweinegülle und Mist angefüllt waren, initiiert. Kupferrohre führten das Gas zu Ventilen, welche nach Einbruch der Dunkelheit geöffnet wurden. Das ausströmende Gas wurde entzündet, und auf der Weise leuchteten 9 Flammen in dem verbrennenden Methangas eigenem Blau als das sichtbare Zeichen von Energiequellen in der Nacht. Die Flammen glichen Irrlichter in Mooren, erschienen wie Lebenslichter. Die undurchdringbare erdige Masse und die in ihrer Wirkung dazu so gegensätzlichen, sich verzerrenden Formen der Flammen ließen auch an die Methoden der Alchemie mit ihrer Verwendung der prima materia denken.

 

Der Titel einer anderen Arbeit, „ Der Stein der Weisen“, unterstreicht die in diese Richtung weisende Deutungsmöglichkeit von „Fuoco Fatue“. Dies ist der Denkanstoss, doch kommt es nicht auf die Wiedergabe alchimistischer Praktiken in den Arbeiten an, sondern auf die Ver-gegenwärtigung des kreativen Prozesses, des Spannungsverhältnisses von Materie und Energie. Die Bewegung, der fließende Funktionszusammenhang der Natur wird ins „Bild“ gesetzt! Hier ist die Frage nach dem Kunst-Quotienten der Arbeiten anzusetzen.

 

In früheren Arbeiten, wie 1983 im Berliner Winter, in den Pankehallen in Wedding, wenn Otmar Sattel schwere Eisblöcke in 3m Höhe auf Stahlseile auflegte, die sich aufgrund ihres Eigengewichtes und der damit erzeugten punktuellen Reibungswärme allmählich durch die Seile wanderten, bis sie auf den Boden stürzten, wird man in ihnen leicht Projektionen des Vergehens und der Auflösung erblicken. Hingegen haben sich die Fortführung der Idee, exemplarisch Zusammenhänge zwischen Zeit, Materie und Form aufzuzeigen, die Arbeiten der letzten Jahre, immer mehr zu modellhaften Lebenskörpern entwickelt.

 

Bei den verschiedenen Versionen der „Gras-Glas-Ton-Maschinen“ (bis zu 4 x 2 x 2m groß) signalisierte jeweils ein klarer schwingender Ton die verwandelte Energie in eine akustische Form. Der Ton entwich einer einfachen Glasgehäusekonstruktion, die als Behältnis für die Anhäufung von Wiesengras diente. Vom Heu umgeben befand sich ein geschlossenes Kesselsystem, an welches drei Druckventile und hinter diesen drei Labialpfeifenköpfe mit Glas-röhren angebracht waren. Das bei der Hefegärung entstandene Kohlendioxid strömte über die Pfeifenköpfe aus und versetzte die in den Glasröhren stehende Luft in Schwingungen, wodurch ein Klang entstand. Die gläserne Isolierung förderte die Wärmebildung, lieferte aber als architektonischer Körper aus reduzierten, klaren Formen vor allem ein Gegenbild zu den komplexen biologischen Verläufen im Innern des Gehäuses. Gleichzeitig schaffte sie Distanz nach außen hin. Solche Arbeiten sind kritisch kommentierend, insofern sie in urbanen Kontexten die Bedeutung der Wärmeübertragung als existenzielle Grunderfahrung ins Bewusstsein rufen, zum anderen Naturprozesse zugleich als Bestandteil einer Ausstellung präsentieren.



Ein mehr an ein phantastisches Gebilde grenzendes „Realzeitsystem“ zeigte die in der Kunsthalle in Budapest aufgebaute Installation „SEE-SAW“ / Bottle battle II“. Es handelte sich hier um eine aus Stahl konstruierte 6,50m lange Wippe, deren Armenden je hundert Flaschen mit Hefegärung trugen. Die Flaschen befanden sich über den im Boden befindlichen Luftschächten, welche Warmluft freisetzten, was den Prozess der Gärung in den Flaschen anregte. Das dunkelgrün der Flaschenkörper, sowie der massive Auftritt der quadratisch angeordneten „100er Verbände“ von Flaschen betonten den äußeren Stillstand, die Horizontale und damit den gravitätischen Ausdruck der Wippe. Wenn nun durch den Druck nach ca. einer Stunde die ersten Korken aus dem Flaschenhals herausgeschleudert wurden, der Gärungsgeruch der Hefe durch die Ausstellungsräume zu ziehen begann und sich eine Abfolge von meterhohen Fontänen erhob, war der zeitlose, von gebundener Materialität dominierte Objektcharakter von „SEE-SAW“ / Bottle battle II“ in provozierender Weise relativiert worden. Die hellen Fontänen zeichneten für Augenblicke eine vertikale Linie, welche sich in Figurationen auflösten und zurück zur Erde fielen. Die Wippe verwandelte sich unter den Eruptionen in ein sich wiegendes, mobiles Instrumentarium, und der Ausstellungsraum wurde zu einem Schauplatz mit der in Bann ziehenden Ausstrahlung eines chemischen Laboratoriums.



Wenn die Arbeiten von Otmar Sattel ein bestimmtes Maß zu vermitteln wissen, mit dem sie sich dem Umgang mit Natur annähern, sind es gerade die plötzlichen Wendungen bzw. Übergänge von der ordnenden Struktur geschlossener Formen zum Chaotischen und Unberechenbaren, die sich fern von einem harmonisierenden, nostalgischen Naturverständnis halten. Aus dem Charakter eines hinter Glas vorgeführten, abgekapselten Experiments und dem lustvollen als auch wirkungsreich inszenierten Spektakel resultieren für den Betrachter beim Anblick des unberührten Naturraumes, beim Geruch des frischen Grases oder des schwer ortbaren Tones, die ambivalenten Empfindungen, die die Arbeiten zwischen Anziehung und Distanzierung schwanken lassen.



In jeweils neu formulierten räumlichen Ordnungen verbindet Otmar Sattel in seinen Energie-Skulpturen, wie er sie selbst bezeichnet, die sinnlich-materielle Präsenz von Naturstoffen mit der objektiven Darstellungsweise ihrer Bewegungs- und Umwandlungsprozesse. Seine Installationen haben von daher abgeleitet immer einen temporären Charakter. Sie artikulieren sich im Rahmen von nachvollziehbaren Ursachen und Wirkungen. Der ästhetische Aspekt bleibt eingeordnet, während der bedeutende Anteil der Arbeiten in der Entdeckung, Entwicklung und Realisation der schöpferischen Naturprozesse liegt.






    
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